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Kepler, der neue Schirmherr des Weihnachtsmarkts
Als sich die Astronomen um den Stern von Bethlehem stritten


„Unser aller Kepler” ist als werbewirksamer Namenspatron ein alter Hase. Seit 1869 die astronomisch unverdächtigen Turner frisch-fromm-fröhlich-frei ihren Heimatbezirk „Keplergau” tauften, wurde der Astronom von Gastronomen („Kepler-Bockbier”), Pharmazeuten und Antiquaren prämienfrei unter Vertrag genommen oder zum Werbeträger für Schienen-, Wasser-, Luft- und Weltraumfahrzeuge, ja sogar für Uhren (made in Switzerland), Kleiderbügel (made in Italy) und Badezimmerarmaturen (made in China) erkoren. Was in diesem merkantilen Potpourri noch fehlte, war ein Weihnachtsmarkt mit Kepler als Schirmherr, der auf dem Marktplatz als Rauschgoldengel (man beachte den Engel im Familienwappen!) auf seinem Alleinstellungsdenkmal über der heimatlichen Glühweindunstglocke thront.Karikatur Kepler-Weihnachtsmarkt

Damit die verehrte Leserschaft bei skeptischen Fragen ortsfremder Marktbummler nach dem Zusammenhang zwischen Kepler und der Weihnachtszeit nicht in Verlegenheit gerät, seien hier als Schützenhilfe die schlagendsten Argumente aufgelistet:
 
Erstens ist Johannes Kepler immerhin an einem der „Zwölf Weihnachtstage” geboren: am 27.Dezember, dem Tag des Evangelisten Johannes. Dass er aber, wie man sich hier erzählte, als kleiner Bub auf Weils nächtlicher Flur Schafe gehütet und dabei, sternenwärts blinzelnd, seine Liebe zur Astronomie entdeckt habe, könnte man zwar mit den Schafweiden von Bethlehem verknüpfen. Da er aber als vierjähriger Knirps dieser Aufgabe noch nicht gewachsen sein konnte,  dürfte seine Hirtenkarriere doch eher zu den Ammenmärchen gehören.

Pech im Spiel, Glück in der Liebe

Zweitens: In den Weihnachtstagen 1591 weilte der frischgebackene Magister Kepler in seiner Vaterstadt Weil. Zu seiner großen Freude hatte just an seinem 20. Geburtstag der Rat der Reichsstadt unter dem Vorsitz von Großvater Sebald die Verlängerung seines Stipendiums an der Universität Tübingen bewilligt. Die Freude über dieses Weihnachtsgeschenk wurde allerdings etwas gedämpft, als er hier am Spieltisch einen Viertel Reichstaler verlor. Sie kehrte aber an Silvester wieder zurück, als er ein Techtelmechtel - im Astrojargon: eine große Konjunktion - mit einer Dorfschönen aus Kuppingen, der Heimat der Mondfänger, hatte.
 
Drittens: Kepler wäre nicht Kepler, wenn er sich nicht auch als Wissenschaftler mit Weihnachten beschäftigt hätte, nämlich mit einem Problem, das die Gelehrten damals umtrieb:  Wann genau fand die erste Weihnacht statt, d.h. welches war das wahre Geburtsjahr Jesu? Dazu muss man wissen, dass unsere Zeitrechnung, die mit Christi Geburt beginnt, von dem Mönch Dionysius Exiguus anno 525 eingeführt wurde, man aber später herausfand, dass Jesus zwei oder drei Jahre früher geboren sein müsse, da er nach dem Lukasevangelium etwa als Dreißigjähriger im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius (28/29 n. Chr.) erstmals an die Öffentlichkeit trat.
 
Kepler dagegen machte die totale Mondfinsternis 4 v. Chr. zur Basis seiner Berechnungen. Es  war das überlieferte Sterbejahr des Königs Herodes, der kurz vor seinem Tod - so geht die Legende - die Ermordung aller Kinder unter zwei Jahren befohlen haben soll. Also müsse die Geburt im Stall zu Bethlehem schon 6 oder 7 v. Chr. stattgefunden haben. Und Kepler untermauerte diese Hypothese noch durch zwei spektakuläre Himmelsbeobachtungen: vor Weihnachten 1603 gab es eine große Konjunktion von Jupiter und Saturn, zu der sich auch noch Mars gesellte, und im Oktober 1604 flammte unweit davon im Sternbild Schlangenträger ein superheller „neuer Stern” auf, den Kepler ausführlich beschrieb, weshalb man ihn heute „Keplers Supernova” nennt.

Die Supernova von Bethlehem

Durch Zurückrechnen fand er heraus, dass fast dasselbe Planeten-Techtelmechtel auch in den Jahren 6/7 v. Chr. stattgefunden hatte. Also - so folgerte er mit astrologischer Logik - müsse die Konjunktion auch schon damals eine Supernova angekündigt haben und das müsse der Stern von Bethlehem gewesen sein! Kepler stellte sich den Weltraum jedoch noch sehr überschaubar vor und ahnte nicht, dass das Licht dieser Sternexplosion schon 20 000 Jahre unterwegs gewesen war, als es zufällig kurz nach dem spektakulären Planetentreffen bei uns ankam. Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den beiden „Eräugnissen” gab es aber nicht.
 
Keplers These löste nun einen Gelehrtenstreit um das wahre Geburtsjahr Christi aus, ebenso heftig, wie man sich im 19.Jahrhundert um Keplers wahren Geburtsort zankte. In Frankfurt, Oxford und Leipzig erschienen erbitterte Streitschriften, die Keplers Hypothese in Frage stellten. Dieser musste dreimal zur Feder greifen, um seine Weihnachts-Theorie schlagfertig zu verteidigen.
 
Heute verweisen Historiker und Theologen den Stern von Bethlehem samt Keplers Beweisführung ins Reich der Legende und vermuten z.B., der Evangelist habe hier Anleihen bei der wahren Geschichte von König Tiridates von Armenien gemacht, der 66 n. Chr. gen Rom gereist war, um Kaiser Nero zu huldigen, während zugleich der Halleysche Komet seine Bahn übers Firmament zog. Trotzdem lieben es die Astronomen immer noch, im Weihnachtsprogramm ihrer Planetarien dem Publikum Keplers Supernova-Rendezvous als Stern von Bethlehem zu bescheren.
 
Sage nun also niemand mehr, Kepler tauge nicht zum Weihnachtsmarktpatron. Und was das Wissen über Christi Geburt betrifft, so steckt er noch jeden Glühweinschlürfer lässig in den Sack. Aber man sollte ihn trotz seines markanten Bartes nicht mit dem Weihnachtsmann verwechseln. Und den Zimtstern hat er ebenso wenig erfunden wie Mozart die Mozartkugel.
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Redakteur / Urheber
Wolfgang Schütz

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