Elsässische Flüchtlinge in Weil der Stadt 1915

Archival des Monats

Das Thema "Flüchtlinge" ist kein neues Phänomen. Immer wieder gab es in Europa Flüchtlingsbewegungen, die zumeist auf schlimme Ereignisse wie Krieg, Hungersnöte, Epidemien oder auch auf Verfolgungen aus Glaubensgründen folgten. Ein wenig bekannte und nicht allzu große Flüchtlingsbewegung des frühen 20. Jahrhunderts sind die elsässischen Kriegsflüchtlinge des Ersten Weltkriegs.

Bestände WA Akten Weil der Stadt nach Flattich, Az. 7095
Quellenzusammenhang

Das Schriftgut eines Stadtarchivs lässt sich unter anderem in die Gattungen Urkunden, Rechnungen, Bände und Akten einteilen. Während die Urkunden in der Regel die älteste Schriftform darstellen und bis ins Mittelalter zurückreichen gehören die Akten zu den jüngsten schriftlichen Überlieferungsformen.

Mit der sich über die Jahrhunderte immer weiter ausdifferenzierenden kommunalen Selbstverwaltung gewinnt die Schriftlichkeit immer mehr an Bedeutung. Um in den zunehmend komplexeren Alltagsgeschäften auf frühere Vorgänge und Entscheidungen zurückgreifen zu können, benötigt die Verwaltung schriftliche Aufzeichnungen, die langfristig als Gedächtnisstütze aufbewahrt werden müssen. So entstehen die für staatliche Verwaltungstätigkeiten typischen „Akten“.  

Man kann davon ausgehen, dass es in Weil der Stadt schon vor dem magischen Datum, dem Stadtbrand 1648, Akten gegeben hat. Sie wurden aber alle ein Raub der Flammen. Die älteste Schicht an Akten beginnt zeitlich nach 1648 und umfasst somit das 17., 18., und 19. Jahrhundert.  1807 und 1884 wurde zu diesen Akten jeweils eine systematisch geordnete Gesamtübersicht der Weil der Städter Akten erstellt, in die aber auch Bände und Rechnungen integriert waren. Leider findet sich diese Ordnung der frühen Akten heute im realen Aktenbestand nicht wieder.

Im Jahre 1928 wurde erstmals ein systematischer Aktenplan für ganz Württemberg herausgegeben, der nach seinem Urheber „Flattich-Aktenplan“ genannt wurde. Er operiert mit einem 4stelligen Zahlensystem für die Aktenzeichen und teilt die kommunalen Geschäftsbereiche in neun Hauptgruppen ein. Die für den November vorgestellte Akte trägt das Aktenzeichen 7095 aus dem nach Flattich-Aktenplan (erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) geordneten Aktenbestand. Unter dem Aktenzeichen 7095 findet sich eine Akte zu „Elsässischen Flüchtlingen“ Diese gibt Auskunft über die Aufnahme elsässischer Flüchtlinge während des Ersten Weltkriegs.

Verzeichnis der z.Zt. hier befindl. unterstützungsberechtigten elsässichen Flüchtlinge
© Stadtarchiv Weil der Stadt, Alle Rechte vorbehalten

Am 15. Dezember 1915 kamen diese Flüchtlinge in Weil der Stadt an. Die Bevölkerung einiger Ortschaften aus den Kampfgebieten des Elsaß wurde umgesiedelt. Dabei musste das Oberamt Leonberg 150 Personen aufnehmen: „Ins Oberamt Leonberg mit 27 Gemeinden und rund 36000 Einwohnern kommen 150 Personen ausgewiesene Elsässer.“ Auf Weil der Stadt entfielen 21 Personen. Alle stammten aus der Ortschaft Altkirch bei Mühlhausen/Mulhouse. Darunter auch die Familie Gasser, die später dauerhaft in Weil der Stadt ansässig wurde. Sie waren vollkommen mittellos und hatten nur das, was sie auf dem Leibe trugen oder vielleicht noch in einem kleinen Koffer mitschleppen konnten. Im Zuge der Umsiedlung von Altkirch mussten die Familien 15 Kilometer zu Fuß nach Mühlhausen gehen, von dort wurden sie mit dem Zug nach Leonberg befördert. Die Flüchtlinge wurden von dem Weil der Städtern mit den wichtigsten Alltagsgegenständen versorgt – allerdings mussten die Flüchtlingen zum Teil dafür bezahlen. Ein handschriftlicher Vermerk in den Akten gibt Auskunft: „Aus den Wohnplätzen ausgewiesene Elsäßer kommen zwischen 14-16.Dezbr hier an, sie haben nur Handgepäck, vielleicht Bettstücke Matrazen aber keine Möbel bei sich & müssen nach ihrer Ankunft beköstigt werden.“ Die Stadt bemühte sich um Unterbringung in städtischen Wohnungen oder Zimmern, so dass wenigstens die Familien zusammenbleiben konnten. Die übrigen wurden in einheimischen Familien untergebracht. Für die Versorgung bezahlte die elsässische Regierung pro Tag und Flüchtling 2 Mark: „Die Bevölkerung ist landwirtschaftstreibend, katholisch und wird für die erwachsene Person 2 M. für 1 Kind 1 M. pro Tag bezalt.“ 

Handschriftliche Notiz zu den Flüchtlingen aus dem Elsaß in der Akte 7095
© Stadtarchiv Weil der Stadt, Alle Rechte vorbehalten

Man begegnete trotz des katholischen Glaubens der Elsässer diesen mit Misstrauen, wie ein Schreiben vom 17. Juli 1917 beweist.

Schreiben des Kaiserlichen Statthalters von Elsaß
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Die Akte sammelt von den einzelnen Monatsabrechungen über Schriftverkehr, Auflistung der einzelnen Familien und gespendeten oder verliehener Gegenstände bis hin zu Anweisungen des „Kaiserlichen Statthalters in Elsaß-Lothringen“ zahlreiche Materialien.


Somit kann mittels einer nüchternen Verwaltungsakte ein eher unbekanntes Detail der Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts sehr detailliert und vor allen Dingen authentisch nachgezeichnet werden.


Schreiben des nach Mühlhausen verlegten Bürgermeisteramts Altkirch vom 12
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