Die archäologischen Funde sind Eigentum des Landes Baden-Württemberg. Aus diesem Grund darf die Stadtverwaltung auch nicht selbst über die Funde informieren.  Der Text stammt von Dr. Dorothee Brenner, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart.

Durch die Neubebauung des Kindergartenquartiers wurde im Vorfeld eine Rettungsgrabung notwendig, da es sich hier um den Bereich eines archäologischen Kulturdenkmals handelte. Im Folgenden wird ein Kurzabriss über die Ergebnisse gegeben, die aber bislang nur als vorläufig und nicht vollständig betrachtet werden können.

Die Grabung fand von Ende Februar bis Anfang August dieses Jahres statt und wurde von der Firma Archae-oBW unter der Fachaufsicht durch das Landesamt für Denkmalpflege durchgeführt. Sie hat sich dabei als sehr ergiebig und voller unerwarteter Überraschungen erwiesen; die Ergebnisse der Grabung werden eine erhebliche Bereicherung der bislang bekannten Merklinger Ortsgeschichte darstellen.  Dass es sich bei Merklingen trotz der späteren Ersterwähnung im 11. Jahrhundert um eine frühmittelalterliche Gründung handelt, war aufgrund weniger bekannt gewordener Gräber des 7. Jahrhunderts zwischen der Hausener Straße und dem Steigweg bekannt. Die Ortsherrschaft Merklingen war ursprünglich Calwer Besitz und gelangte dann über die Grafen von Zweibrücken schließlich Ende des 13. Jahrhundert an das Kloster Herrenalb. Ein Klosterhof existierte spätestens ab dieser Zeit in Merklingen. Es wurde immer angenommen, dass der Herrenalber Klosterhof auf dem Platz des älteren Herrenhofs errichtet wurde.

Das Grabungsgelände war mit einer Mauer terrassiert, durch die das ursprünglich leicht ansteigende Gelände längs in einen unteren an der Hausener Straße liegenden Teil und einen oberen Teil getrennt wurde. Die Mauer war die hintere Abschlussmauer des Klosteramtshofs und späteren Kameralamts. 

Zum Klosteramtshof selbst konnten tatsächlich nur wenige Befunde freigelegt werden, v.a. das Fundament eines wohl barocken Brunnens, der in Zusammenhang mit einem Wasserkanal stand, der dann letztendlich wahrscheinlich im Burggraben endete. Wohl auch in die Neuzeit gehörend ist ein 1,30 m tiefer und mehr als 5 m langer Kalkbrennofen, in dem große Massen an Kalk gebrannt wurden, die sicher für ein größeres Bauvorhaben (in Zusammenhang mit der Kirchenburg oder dem Klosteramtshof?) dienten. Leider ist er im Moment nicht näher datierbar.

Sehr überraschend kam im oberen Teil der Fläche eine Mauer zu Tage, die mit einer Stärke von 1,85 m und einer Länge von über 50 m enorme Ausmaße hat. Die Mauer biegt an beiden Seiten hangaufwärts um und lässt sich dort noch ein paar Meter weiterverfolgen, bis zur Grabungsgrenze an der Katharinenstraße. Sie muss ein großes Areal umschlossen haben. Die Größe von Mauer und Anlage sowie die Datierung ins Hochmittelalter lassen nur den Schluss zu, dass es sich hierbei um die Umfassungsmauer einer abgegangenen Burg gehandelt hat, die an dieser Stelle jedenfalls nicht vermutet wurde. Durch die Burgmauer wurde erstmals der Hang Richtung Kirche abgetragen. Dadurch und durch den der Mauer vorgelagerten Graben ergab sich für die Burganlage durch die erhöhte Lage eine gute Verteidigungsposition sowie Sichtbarkeit. Nachdem die Mauer teilweise abgebrochen und der Burggraben zugefüllt wurde, hat man im Spätmittelalter vor der Mauer ein Gebäude aus Holz errichtet, das durch Brand zerstört wurde und durch mehrere Herdstellen einen möglicherweise handwerklichen Charakter hatte. Es könnte in Zusammenhang mit der Errichtung des Klosterhofs gestanden haben.

Die Mauer war aber bei Weitem nicht die älteste Struktur. Aus dem Hochmittelalter stammen auch einige Gruben und Grubenhäuser, die eine Besiedlung im 11./12. Jahrhundert belegen. Diese stören teilweise noch ältere Befunde, nämlich zahlreiche frühmittelalterliche Gräber (6. und 7. Jahrhundert n. Chr.). Die insgesamt 39 Gräber verteilen sich im nördlichen Grabungsgelände. Nur nach Süden hin scheint die Grenze dieses kleinen Gräberfelds erfasst zu sein. Hier wurden 14 Männer, 10 Frauen und 5 Kinder bestattet; weitere 10 Individuen sind unbestimmt. Die älteren Gräber des 6. Jahrhunderts lagen zur Hausener Straße hin; die jüngeren etwas weiter westlich. Alle Bestatteten waren mit Beigaben versehen, wie es damals üblich war: die Männer mit Tracht und Waffenausstattung; die Frauen mit Tracht und Schmuck. Diese unterscheiden sich allerdings in der Qualität und Anzahl der Beigaben. Allerdings fällt auf, dass unter den in Merklingen Bestatteten über-proportional viele sehr gut ausgestattet waren; die volle Bewaffnung mit Spatha (Langschwert), Sax (Kurzschwert), Lanze und Schild hatten allein 7 Männer; dazu kommen wahrscheinlich nochmals 2, die gestört bzw. beraubt waren. Sowohl unter den Männer- als auch den Frauengräbern finden sich jeweils 2-3 hervorragende Inventare. Besonders hervorzuheben ist eines der Männergräber. Neben den Waffen wurde ihm je eine wunderschön tauschierte Gürtel- bzw. Schwertgurtgarnitur aus dem langobardischen Raum, Sporn und Pferdegeschirr, was ihn als Reiter kennzeichnet und eine Goldmünze als Obolus im Mund mit ins Grab gegeben. Eine weitere Besonderheit ist in einem anderen hervorragend ausgestatteten Männergrab ein sogenanntes Goldblattkreuz. Dabei handelt es sich um aus dünner Goldfolie hergestellte Kreuze, die oft auf ein Tuch genäht waren, das auf dem Gesicht des oder der Toten platziert wurde. Dieses stellt mit großer Sicherheit ein christliches Symbol dar, das die allmähliche Christianisierung in unserem Raum im 7. Jahrhundert bezeugt. In diesem Fall ist das Kreuz aber nicht aus der runden Folie ausgeschnitten, eine Besonderheit, die bis jetzt einzigartig ist. Eine weitere Besonderheit ist, dass sich in mehreren Gräbern römische Objekte fanden; u.a. eine gut erhaltene Terra Sigillata-Schale und eine spätrömische Bügelknopffibel, die offenbar sogar wie original an der Schulter getragen wurde. Diese Objekte sind nachweisbar mehrere Jahrhunderte älter als die Bestattungen. Aufgrund der guten Erhaltung v.a. der Keramik über eine so lange Zeit, liegt der Verdacht nahe, dass sie ursprünglich aus römischen Gräbern geplündert sein könnten. Die nächste bekannte römische Fundstelle liegt allerdings hinter Münklingen in mehr als 3 km Entfernung.


Es scheint sich hier nicht um ein für diese Zeit übliches Ortsgräberfeld zu handeln, die oft sehr groß waren und die gesamte Bevölkerung einer Siedlung aufnahmen, sondern eher um einen Bestattungsplatz, der von einer relativ kleinen, aber elitären Siedlungsgemeinschaft über mehrere Generationen belegt wurde.

Zum guten Abschluss fanden sich wenige noch viel ältere Befunde im Nordwesten der Fläche: Vier neolithische Hockergräber; die als Beigaben Silexartefakte, ein Gefäß sowie einen Schuhleistenkeil enthielten.

Insgesamt betrachtet bereichert die Grabung mit ihren vielfältigen über einen weiten Zeitraum reichenden Befunden und herausragenden Funden die Geschichte von Merklingen und erfordert mit Sicherheit auch neue Überlegungen zur mittelalterlichen Geschichte des Ortes.

Blick über die untere Grabungsfläche zur Kirchenburg
© Landesamt für Denkmalpflege/ArchaeoBW, Alle Rechte vorbehalten

Blick über die untere Grabungsfläche zur Kirchenburg

Kalkbrennofen von oben
© Landesamt für Denkmalpflege/ArchaeoBW, Alle Rechte vorbehalten

Kalkbrennofen von oben 

Umfassungsmauer der Burg, oben im Bild die Katharinenstraße
© Landesamt für Denkmalpflege/ArchaeoBW, Alle Rechte vorbehalten

Umfassungsmauer der Burg, oben im Bild die Katharinenstraße 

Grab 3. Männerbestattung mit Spatha (rechts am Körper), Sax (quer über dem Oberkörper) und Schildbuckel
© Landesamt für Denkmalpflege/ArchaeoBW, Alle Rechte vorbehalten

Grab 3. Männerbestattung mit Spatha (rechts am Körper), Sax (quer über dem Oberkörper) und Schildbuckel 

Goldblattkreuz aus Grab 18
© Dr. Gabriele Graenert, Landesamt für Denkmalpflege , Alle Rechte vorbehalten

Goldblattkreuz aus Grab 18 

Redaktion

Dr. Dorothee Brenner, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart