Märkte in Weil der Stadt - Arbeitstagebuch des Ökonomieverwalters Anton Gall (1925)

Archival des Monats

Anton Gall ist am 19.5.1870 in Weil der Stadt geboren und am 9.2.1958 hier verstorben. Nach seiner Schulzeit machte er eine Buchbinderlehre und ging dann als Buchbindergeselle auf Wanderschaft, der Weg führte ihn nach Köln, Hamburg, Lübeck, Berlin Weimar, Erfurt, Leipzig, auch in den Süden nach Basel, Zürich, nach München, Innsbruck, Bozen, Meran – alles zu Fuß. 1896 eröffnete er eine Buchbinderwerkstatt in der Steinhofgasse/Ecke Scheergasse. Dort verkaufte er auch Schreibutensilien und Schulartikel. Weil seine Buchbinderei und die Papierhandlung zu wenig Verdienst abwarf, betätigte er sich noch als Verkäufer von Hopfen und als Zwischenhändler für Futtermittel. Während des 1. Weltkriegs verwaltete er das städtische Lebensmittelamt.

Von 1923-1935 war er Ökonomieverwalter, dies entspricht heute der Position des städtischen Bauhofleiters. Aus dieser Zeit sind in seinem Nachlass eine Reihe von Aufzeichnungen über Baumaßnahmen überliefert, vor allem über die Brunnenleitungen und das städtische Wasser- und Abwassernetz. Unter seiner Aufsicht wurden in Weil der Stadt ab 1926 die ersten Straßen geteert, als erstes die Grabenstraße, dann ein Teil des Marktplatzes, die Herrenberger Straße und die Stuttgarter Straße. Gall organisierte für den Bau des Grabentors Abbruchsteine des alten Stuttgarter Hauptbahnhofs in der Bolzstraße, das seinen späteren Namen Antoniustor wohl von ihm hat.
Anton Gall war ein überaus aktiver und neugieriger Mensch. Sein Hauptinteresse galt der Geschichte seiner Heimatstadt Weil. Gall war 1949 Gründungsmitglied des Heimatvereins Weil der Stadt, als Hobbyhistoriker verfasste er in den 1930er Jahren bis zu seinem Tod 1958 eine Reihe von historischen Aufsätzen und Zeitungsartikeln.
Sein Nachlass wurde im Dezember 2018 durch seine Enkeltochter dem Stadtarchiv übergeben.


Transkription[1]

„Krämer- und Viehmärkte (geschrieben 1925 Anton Gall)
Die heutige Märkte sind im Vergleich zu früheren nicht einmal mehr ein Schattenbild. In meiner Jugend 1877 ca. wurden Samstag vor dem Markttag, der schon damals auch montags abgehalten wurde, Bretter durch Fuhrleute angeführt, ebenso anderes Holz, das notwendig war zum Marktstände aufschlagen. Es wurden gewöhnlich 2 bis 3 Reihen Stände von lauter Bretter aufgeschlagen, also auch das Dach. Die Reihen waren gegen die Rose[2], also auf der Nordseite des Marktplatzes. Diese samstags aufgeschlagene große Marktstände dienten zur Feilhaltung von Ellenwaren, also Bettzeuge und so fort. Als Ladentisch dienten gewöhnlich 2 große schließbare Kisten (mit Blech beschlagen), in welchen der Krämer seine Waare auf den Markt brachte und nun die Kisten entleert und innerhalb Standes die Waare zur Schau und zum Kauf ausgestellt. Über die Kisten wurden noch einige Bretter gelegt und der Laden war fertig. Leute besuchten den Markt von der ganzen Umgegend, wenn man von einem Fenster aus, aus einem Gebäude auf dem Marktplatz, das Getriebe am Markttag selbst überschaute, machte es den Eindruck,

[1] Buchstabengetreue Umschrift. Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung  sowie Satzzeichensetzung nach heutigem Gebrauch; allgemein verständliche Abkürzungen und Konsonantenverdoppelungen ausgeschrieben.
[2] Gemeint ist das Gasthaus „Rose“


als könnte man auf den Köpfen hinweglaufen, der ganze Marktplatz war eine dichte Masse Leute, ebenso die umliegenden Straßen und ein eigentümliches Getön von menschlichen Stimmen, daß ich heute noch meine, dieses Getön zu hören.
Kleinere Marktstände wie für Zuckerwaren, Käsweiber, von welchen sehr viele die Märkte besuchten (und von den Bauern einen großen Zuspruch hatten, indem sie sowohl Schweizer als auch Backsteinkäse verkauften und jeder Bauer vorher den Käs versuchen durfte) und so fort, wurden erst am Markttag aufgeschlagen. Die Marktordnung war eine genaue, die Tuchmacher hatten feil im Schulhof, die Schuhmacher in der Kirchgasse, Nagelschmiede entlang Kanne und Post, Ellenwaren Marktplatz, Hanf und Flachs auch in der Kirchgasse gegen Schulhaus, ebenso auch die Bauernweiber mit ihrem selbstgemachten Leintuch, vor der Post die Weißgerber mit ihren Lederhosen, Rotgerber vor Adolf Beyerle, Kübler waren unter den Nagelschmied zwischen Post und Adler. Häfner auf dem Hafnermarkt[1], der Wochenmarkt mit Butter und Eier auf dem Kirchplatz, Obstmarkt gegen Pforzheimer Straße. Zu einem großen Ellenwarenstand wurden 40-50 16 Schuh lange Bretter gebraucht in der Breite bis 1 Schuh, das Bretterhaus am Königstor, jetzige provisorische Turnhalle, war früher gefüllt mit Bretter und Bauholz, Schragen und so fort zwischen Marktstände.

[1] Heute Speidelsberg


An Bretter zwischen den Märkten waren vorrätig 1877: 1500 Stück Bretter in der Länge von 10, 12, 14 und 16 Schuh, in der Breite bis 1 Schuh. Daneben noch Schragen, Latten und Rundholz, schwächers von Bohnenstecken an. Ebenso waren Tische von Bretter vorrätig.
Pächter waren früher immer 2 Ortsbürger, diese pachteten von der Stadt die Marktgeräte, es wurde ein Inventar angelegt, daß sie die Anzahl Bretter und so fort erhalten haben, dieses Quantum wurde alle 3 Jahre controlliert, das fehlende mußte von den Pächtern ersetzt werden.
Sie durften von den Krämer verlangen für ein Brett mit 16 Schuh – 9 Pfennig, 14 Schuh – 8 Pfennig, 10-12 Schuh – 6 Pfennig, für ein Schragen oder Stenglein oder Latte pro Stück 3 Pfennig, ebenso Standgeld je nach Größe 12, 15, 18, 21, 24 und 30 Pfennig.
Die Schuhmacher mußten ausnahmsweise 30 Pfennig bezahlen, bekamen dann aber ihr Standholz lauter Stänglein, Bohnenstänglein und etwas stärker frei.
Die Pächter Seifensieder Germann und Wagner Beck bezahlten dann hierfür Abgabe an die Stadt 30 Mark. 1877 Germann gieng nach Amerika und Wagner Beck hatte den Pacht bis 1902. Da die Märkte schlechter besucht waren, erniedrigte sich das Pachtgeld. Nach Alt Wagner Beck hatte die Pacht Anton Beck, sein Sohn, bis 1911, zuletzt noch gegen eine Abgabe von 5 Mark. Vor alt Wagner Beck hatte den Pacht Dreher Bauer und Alt Wagner Nachbauer. Außer dem Pacht an die Stadt mußte der Pächter noch folgende Abgaben entrichten an jedem Markttag: dem Ökonomieverwalter 3 Mark 45 Pfennig, jedem Polizeidiener (2) 1 Mark 15 Pfennig. […]


1930 Krämermärkte: Durch die Errichtung von Läden in den kleinsten Ortschaften der Umgegend, auch dadurch, daß Reisende mittels Autos private direkt besuchen, auch die Zugeverbindungen in Großstadt besser sind wie früher, die Kaufhäuser in z.B. in Stuttgart größere Auswahl bieten können als ein Landort wie hier in Weil der Stadt, so zieht sich der Einkauf immer mehr von hier ab, wodurch nicht nur die hiesige Geschäftswelt betroffen wird, sondern auch die hier an den Krämermärkten feilbietende auswärtige Kaufleute.
Die Krämermärkte sind zur Zeit nur noch entlang der Hauptstraße und wurden heute folgende Namen auf 3 Jahre verpachtet. 14. November 1930.“