Pfarrchronik 1860-1916, Kriegsbeginn 1914

Archival des Monats

Die Pfarrchronik wurde im Jahr 1914 von Pfarrerverweser Wagner geführt, der für den am 26.11.1913 verstorbenen Stadtpfarrer Truffner für 3 Jahre nach Weil der Stadt gekommen war. Sein Nachfolger Pfarrer Notz führte die Chronik nach seiner Investitur im Januar 1916 nicht mehr weiter. Pfarrerverweser Wagner schreibt in sehr persönlichen und einfühlsamen Worten, wie er die Tage Anfang August in Weil der Stadt erlebt hat.

Chroniken sind eine wichtige und leicht zugängliche Quelle für Historiker. Von den katholischen Geistlichen wurden Chroniken über das kirchliche Geschehen und sonstige Ereignisse in der Stadt in den Jahren 1820 -1859 und 1860 – 1916 geführt.
 
Die Archivalien des Kirchenarchivs St. Peter und Paul sind als Depositumbestand seit Juli 2005 im Stadtarchiv Weil der Stadt untergebracht. Der Bestand ist grob geordnet und wird derzeit verzeichnet. Als Depositumbestand steht er interessierten Benutzern des Stadtarchivs zur Verfügung.
 
Die Bestände des Kirchenarchivs und des Stadtarchivs sind bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht klar von einander geschieden und so scheint die Zuordnung zum jeweiligen Bestand manchmal zufällig zustande gekommen zu sein. Zum einen gab es Gremien wie den Kirchenkonvent, in dem die Stadtverwaltung und die Kirchenverwaltung paritätisch vertreten waren. Zum andern haben sehr häufig städtische Amtsträger Verwaltungsaufgaben wie z.B. die Erstellung der Jahresrechnungen übernommen. Oder es gab Aufgaben, für die sowohl die Kirche wie die Kommune zuständig waren wie z.B. die Schulträgerschaft im 19. Jahrhundert. In all diesen Fällen ist es sinnvoll, sowohl die Archivbestände der Stadt als auch die der Kirche in Augenschein zu nehmen.

 

Transkription[1]:

„[...] Krieg. Am 28. Juni wurde der österreichische Tronfolger Erzherzog Ferdinand samt Gemahlin in Sarajewo anläßlich eines Besuches erschossen. Die angestellte Untersuchung ergab ein weitverzweigtes Complott gegen das Leben des Erzherzogs, welches seinen Ausgangspunkt in Serbien hatte und von vielen amtlichen, z.T. hohen Persönlichkeiten Serbiens begünstigt worden war, Österreich forderte Genugtuung: Auflösung bestimmter Vereine und Verhaftung respektive strenge Bestrafung verschiedener Personen unter Mitwirkung Österreichs. Dies verweigerte Serbien teilweise, ermuntert durch Rußland. Da erklärte Österreich an Serbien den Krieg. Sofort mobilisierte auch Rußland und zwar, wie sich bald zeigte, auch an der deutschen Grenze. Deutschland wurde in Petersburg vorstellig, aber ohne Erfolg. Am 31. Juli wurde im ganzen deutschen Reich der Kriegszustand erklärt. Am 1. August folgte allgemeine Mobilisierungsordre. Bei Nacht fuhren Militärzüge ohne Licht Calw zu. An der Kirchtüre wurde sofort bekannt gemacht, daß zu jeder Stunde Beichtgelegenheit sei; viele von den Einberufenen beichteten, aber nicht alle, wie es scheint. Am 2. August kamen von fast allen Ländern Europas Mobilisierungsnachrichten. Es herrschte große Aufregung im Städtchen. Im Verlauf einer halben Woche müssen ca. 150 Männer fort, darunter viele Familienväter. Beim Gottesdienst gab es viele Tränen. Noch am Sonntag (2. August) trafen die ersten Nachrichten über begonnene Feindseligkeiten ein. Hier wurde eine Bürgerwacht gebildet, welche Brücken, Telegraphen, Brunnen etc. zu bewachen hat.

Spionenmanie. Über die Qualifikation derselben hat der kalte Humor von Weilderstadt bereits seine Witze erzählt. Seit 4. August ist diese Wache bis auf das Knabenalter von circa 16 Jahren ausgedehnt: Fortbildungsschüler sind mit Zimmerflinten ausgerüstet. Solche Vorsichtsmaßregeln bekommen immer mehr Berechtigung. Ganz Deutschland ist mit Spionen übersäht. Am 3 August wurde infolge übertriebener Spionenfurcht der Bevölkerung bei Hausen ein Autoführer von einem Zivilposten vom Auto heruntergeschossen. Nachher stellte es sich heraus, daß es ein Bayer war, der ein Militärauto nach Gaggenau führen sollte. Ein Maler, der seit einem Monat hier im Rappen logiert, schien auch verdächtig, mußte Leib- und Wohnungsuntersuchung über sich ergehen lassen. Ein Deutscher, der in Begleitung einer französisch sprechenden Amerikanerin die Aussicht vom Kirchturm genießen wollte, sah sich sogar einem Revolver gegenüber, wenn er sich nicht sofort aufs Rathaus begeben und sich ausweise.
Am 5. August erklärt England an Deutschland den Krieg, weil die Deutschen durch Belgien marschieren. Großartige Parlamentsrede des Reichskanzler, Frankreich und Rußland eröffnen den Krieg ohne Kriegserklärung.
Deutsche Erfolge. Gleich einige Tage nachher wurde die belgische moderne Festung Lüttich durch einen unerwarteten Sturm von General Emmich genommen. Darüber großer Jubel im ganzen Land. Ein deutscher Dampfer legte Mienen an der Themsemündung. Eine englische Flottile schoß ihn in Grund. Jedoch geriet der englische Kreuzer auf eine Miene und sank rasch. Die Franzosen drangen immer weiter im Elsaß ein, bis nach Mühlhausen, wurden aber am 10. August außer Land geschlagen.
Ende de Spionenschüffelei. Die Spionenschnüffelei wuchs immer mehr aus; niemand traute man mehr. Der Herr Pfarrer von Dätzingen Geißinger wurden in Stuttgart samt seiner Schwester als verdächtig aufs Polizeiamt geführt und verhört. Alle Autos und Radler etc. wurden angehalten und durchsucht. Über die Brücken spannen sie Ketten. Auf breiten Straßen stehen Wägen. Wenn ein Auto kommt werden Deichseln herabgelassen. Fast alles braucht einen Ausweis. Endlich, etwa seit 10. August, verbietet die Militärverwaltung immer strenger diese Belästigungen der Leute, da ihre Operationen selbst schwer darunter leiden.
Bittprocession. Der 9. August Sonntag ist in kirchlicher Beziehung von Bedeutung. Nachmittags ½ 2 h hielt die hieseige kath. Gemeinde eine Bittprocession zum Missionskreuz auf dem Heinrichsberg mit Andacht und Predigt des H[ochwürden] H[errn] Vikar. Die Beteiligung beider Geschlechter war recht gut. Möge auch in Zukunft in großen Nöten die Gemeinde ihren Weg an diesen schönen erbaulichen Ort nehmen.
[...]

Furor protestanticus. Die Einbringung eines elsäßischen Geistlichen unter anderen Gefangenen hat den blinden Fanatismus des altwürttembergischen Protestantismus wieder in wahrer Gestalt gezeigt, besonders in Stuttgart. Den Geistlichen wurde auf offener Straße das „Kaputmachen“ gewünscht. Ein Extrablatt am „schwäbischen Merkur“ verkündete, daß der Papst im Sterben liege. Da entstand großer Jubel,
Bravorufen und Händeklatschen. Ein Herr, der das für die Katholiken des Landes als beleidigend erklärte, erhielt zu Antwort: Sie, katholischer Dackel! Stuttgarter Bildung! – Das Schlimmste und Belehrendste, wie in aufgeregten Zeiten die Volksphantasie arbeitet, ist dem patriotischen Pfarrer in Dätzingen passiert. Im Verlauf von ein paar Tagen wurde ihm in der Umgegend alles zugeschrieben, was die Zeitungen an feindlichen Unternehmungen gegen das Reich berichteten: er hält Franzosen verborgen, führt sie aus Althengstetter Tunnel, läßt Landschaften photographieren, Brieftauben fliegen, seine Schwester hat schon in Frankreich ein Grab für sich gekauft, hat wichtige feindliche Correspondenz, beide sind verhaftet , wie jemand sah, wurden beide nachmittags nach Stuttgart gebracht, andern Tags soll er erschossen werden.
„Auch viele Weilderstädter hätten das von ihm nicht geglaubt“. Am 22. August erkärt Herr Pfarrer, daß an allem kein Wörtchen Wahrheit sei – die Phantasie knüpfte wohl an der Thatsache an, daß jährlich einige junge Franzosen im Pfarrhaus Dätzingen die Ferien zubrachten und eine Schwester von ihm viele Jahre in Frankreich lebte.
Militärzüge. Nach nicht ganz drei Wochen war das ganze deutsche Heer an den Grenzen: nach besonderem Erlaß des deutschen Kaisers eine herrliche Leistung der deutschen Bahn. In der 2. Augustwoche fuhren fast alle 2 Stunden Tag und Nacht Riesenzüge hier vorbei mit circa 70 Wagen. Alle hielten hier. Die Frauen und Mädchen und Kinder gingen hinaus und brachten den Mannschaften Erquickungen. Da sich einzelne Mißstände zeigten, beschlossen einige Frauen oder der Bahnvorstand, daß die Leute ihre Gaben bestimmte wenige Mittelspersonen austeilen lassen sollen, außerdem wurde verboten, den Platz an den Geleisen zu betreten. Da setzte es einen großen Krach an, der um so begreiflicher war, als die Söhne und Familienväter mancher hiesigen Familien durchfuhren und die Leute ihre Gaben selbst reichen wollten. Das Ende war, daß alles wieder über die Sperre durfte. An den Wagen standen kühne Sprüche wie: Jeder Stoß ein Franzos, jeder Schuß ein Ruß, alle Serben müssen sterben.

Abfahrt des Leonberger Reservebataillon. Am Montag 10. August fuhr das Leonberger Reservebataillon, darunter ziemlich viele hiesige und von der Umgebung, durch über Calw. Der Zug hielt etwa ¼ Stunde. Fast ganz Weilderstadt, viele Merklinger etc. wälzte sich auf den Bahnhof. Etwa ¾ 10 Uhr abends kam der Zug an. Derselbe dürfte 1 km lang gewesen sein. Ein solches Grüßen und Abschiednehmen, in solches Lachen und Weinen hab ich noch nicht gesehen. Den ganzen Zug schritt ich ab, um Lebewohl zu sagen. Die Offiziere, mit denen ich tags zuvor bekannt worden war, zeigten sich alle sehr erfreut, daß ich auf dem Bahnhof war. Plötzlich ertönte der Pfiff der 3 Lokomotiven und der Zug kam rasch ins Laufen. Aus den vorbeifahrenden Wagen rauschten vaterländische Lieder, von den Zurückbeibenden schwenkten viele ihr Taschentücher mit weinenden Augen. Mit Musik waren vor etwa 8 Tagen die einzelnen Trupps vom Marktplatz auf den Bahnhof begleitet worden, jetzt fahren sie in die dunkle Nacht hinein, begleitet von unsern guten Wünschen. Still lief alles nach Hause. Das „Adieu Herr Caplan“ aus manchem Wagen klang in meiner Seele lange nach.“


 
Ins Feld einrückende Weil der Städter Soldaten am 22.August 1914
Im Zug von links: Robert Borger, August Beyerle, Franz Anton Nachbauer, Carl Fischer, Hugo Hohenstein;
Vorne, von links: Carl Sickinger, Feldmaier, Jacob Schwämmle, Adolf Eble, Wagner Anton Schröck, Sternenwirt Carl Wolf

[1] Buchstabengetreue Transkription, die Groß- und Kleinschreibung sowie die Zeichensetzung sind dem heutigen Gebrauch angepasst, allgemein verständliche Abkürzungen ausgeschrieben, sonstige Abkürzungen und Textergänzungen in eckigen Klammern, Streichungen im Text sind nicht kenntlich gemacht und wurden nicht transkribiert