Spuren der Weiler Tuchmacher in den Archiven

Archival des Monats

In den Städten des Mittelalters und der frühen Neuzeit spielte das Handwerk eine bedeutende Rolle. Dies trifft auch für die frühere Reichsstadt Weil der Stadt zu. Aus dem Bereich der dortigen Handwerkszünfte soll eine kurzer Blick auf die Tuchmacherzunft sowie die textilen Handwerke (die den Ursprung der noch bis heute bekannten Wolldeckenfabrik bildeten) geworfen werden.

Spuren der Weiler Tuchmacher in den Archiven

(Stadtarchiv Weil der Stadt, Bestand Urkunden, Bestand Sammlungen, Bestand Nachlässe, HStA Stuttgart, Stadtarchiv Esslingen)

 

Im Weiler Handwerk war seit jeher die Tuchmacherei von Bedeutung. So ist in der Oberamtsbeschreibung von 1930 zu lesen: „Gewerbe, die es zu größerer Bedeutung brachten, traten nur in Weil der Stadt hervor: die Tuchmacher und die Gerber.“

Die Tuchmacherei (auch Wollweberei oder Weberei genannt) wird in Weil der Stadt bereits im Mittelalter betrieben, dabei werden die Weiler Weber erstmals 1429 urkundlich erwähnt[1].  Hergestellt wurden grobe Tuche, der dafür nötige Rohstoff war Schafwolle, die im Mittelalter sicherlich durch die lokale Schafhaltung gewonnen und erst später durch den Handel zugekauft wurde. Später wurde aus dem groben Tuch ein etwas besserer Stoff, das sogenannte „Engelsait“[2] hergestellt, auch das „Zeug“ [3] war eine Warenbezeichnung für einen wollenen Stoff.

Die Tuchmacher organisierten sich wie auch die übrigen städtischen Handwerke (es gab eine Zunft der Bäcker, der Metzger, der Bierbrauer & Wirte, der Gerber, usw. Z. Bsp. aus der Zunft der Metzger und Rotgerber befinden sich noch zunftunterlagen im Stadtarchiv) in einer Zunft. Neben der Tuchmacherzunft gab es zeitweise auch eine Zunft der Leineweber[4], auch eine Zunft der Strumpfwirker ist überliefert[5]. Über die Tuchmacher gibt die Ordnung der Tucherzunft der Reichsstadt Weil von 1505 Auskunft. Leider befindet sich das Original dieser Handschrift nicht im Stadtarchiv Weil der Stadt, sondern bei den Kollegen des Stadtarchivs in Esslingen.  Die Weiler stellten Esslingen ihre Zunftordnung Ausgangs des Mittelalters als eine Art Muster zur Verfügung. Das Weiler Original ging mutmaßlich beim Stadtbrand 1648 verloren, die Esslinger Kopie ist aber erhalten geblieben[6]. So sind die Regelungen zur Weberei aus dem frühen 16. Jahrhundert nachvollziehbar: es sind u.a. die Ausbildung, die Zulassung zum Handwerk, die Art und Weise der Produktion und natürlich auch Regelungen zu Löhnen und Preisen enthalten. Auch die so genannten Kerzenmeister[7] werden in der Tucherordnung erwähnt: dabei handelte es sich um die Handwerksältesten, die der Zunft als Zunftmeister vorstanden und eine wichtige Funktion in der Stadtgesellschaft des Mittelalters und der frühen Neuzeit inne hatten. Ein Beispiel für die große und auch überregionale Bedeutung der Weiler Textilproduktion findet sich ebenfalls in der Tucherordnung von 1505: darin ist erstmalig das „Tucherhaus“ in Zurzach (CH, Kanton Aargau) genannt. Dieses Haus diente als „Stützpunkt“ und Umschlagplatz für den Handel der Weiler an der bekannten „Zurzacher Messe“.

Nachdem der Dreißigiährige Krieg Weil der Stadt schwer getroffen hatte erwuchs der Wirtschaft in Weil der Stadt in unmittelbarer Nähe auch noch eine bald namhafte Konkurrenz im Bereich der Textilverarbeitung:

die 1650 gegründete „Calwer Zeughandels-Compagnie“ war für die Weberei im kleinen Weil eine ernsthafte Bedrohung. Jedoch reagierten die Weiler um das Jahr 1690 herum mit der Gründung einer eigenen Zeughandelskompanie, welche unter Führung der Familie Gall vor allem im 18. Jahrhundert sehr erfolgreich agierte.

Bereits im 16. Jahrhundert war auch in der Weiler Weberei das Verlagssystem aufgekommen: dabei wurde den in Heimarbeit tätigen Webern der Rohstoff durch einen Unternehmer zur Verfügung gestellt. Die Rohstoffe wurden den Webern „vorgelegt“ oder „verlegt“, daher rührt die Bezeichnung „Verlagssystem“. Die Weber gerieten dadurch in eine gewisse Abhängigkeit und produzierten nicht mehr frei sondern im Auftrag für einen Unternehmer. Als ein solcher ist im 16. Jahrhundert der Weiler Bürgermeister Konrad WERENWAG genannt, allerdings befindet sich dieser archivalische Nachweis auch in diesem Fall leider nicht im Stadtarchiv Weil der Stadt sondern am Hauptstaatsarchiv in Stuttgart. Auch die Weiler Zeughandelskompanie arbeitete im Verlagssystem: der Einkauf der Rohwolle und sicherlich auch zum Teil der Webstühle erfolgte über die Kompanie, der Vertrieb und Handel mit den erzeugten Stoffen wurde ebenfalls durch die Kompanie durchgeführt.

Auch außerhalb der Archive finden sich in Weil der Stadt noch interessante Zeugnisse der frühen hiesigen Textilproduktion: in der Spitalkapelle sind noch heute sowohl eine Skulptur der Heiligen Severus als auch eine Zunfttafel, die durch die Tuchmacherzunft 1668 gestiftet wurde zu sehen. St. Severus gilt als der Patron der Weber sowie Tuch- und Strumpfmacher. Seine Lebens-und Leidensgeschichte ist auf der Tafel der Spitalkapelle nachzulesen, auch lassen sich die Namen der damaligen Zunftmeister (sprich: Kerzenmeister) nachlesen [8].

Die Zünfte bestanden bis weit ins 19. Jahrhundert hinein fort, verloren aber immer mehr an Einfluss. Mit der Gewerbeordnung von 1828 wurde das Zunftwesen neu geordnet, ehe im Jahr 1862 im Königreich Württemberg die endgültige Abschaffung des althergebrachten Zunftwesens erfolgte.

Die Geschichte der Textilverarbeitung in Weil der Stadt erstreckt sich durch alle Epochen vom ausgehenden Mittelalter bis Ende des 20. Jahrhunderts. 1996 endete die Textilgeschichte Weils mit dem Niedergang der Weiler Wolldeckenfabrik, die aus der 1798 gegründete Tuchfabrik des Josef BEYERLE entstanden war. Eine ausführliche Betrachtung der Weiler Weberei und den daraus hervorgegangenen weiteren Betrieben wird im Jahr 2024 mit einer geplanten Ausstellung zur Weiler Wolldeckenfabrik in den Räumen des Stadtarchivs Weil der Stadt möglich sein.

 

Ordnung der Tuchmacher zu Weil (1505), Stadtarchiv Esslingen

„Anno dom […] funffzehnhundersten und

funfften  Jahre uf Samstag nach dem sontag so man

singt in der hailligen kirchen letare zu mit

fasten haben Burgermaister und Rath zu weil

der weber und desselbigen handwerks vorige

ordnung ernüert und an ettlichen irn Ar-

tickeln mit notdurfftigen von und zuthun

geendert umb nutzes willen desbessrigen

handwerks das […] nachvolgender weyß

zuhalten und zutyben zum ersten alß

das die weber oder welche furo das handwerckh

zu weyl tryben wollen, es seyen manns oder

frowen namen […]

sollen und was ainst zufaden und zutuch

komen ist das soll auch niemanmts mer verwürcken

by den Ayden und welche […] uberfaren

die will ain Rath nach Erkantnuß straffen

            [..] und gemaine

thuch berürende

welcher fuer ain kern tuch  haben will mit

zweyen sigeln dasselbig thuch sol gewoben

sein  dass und  auch gut von Zeug  wo

gewoben und beräyt als das die virer Er

kennen wegen das es zwayer sigel  werdt sey.“

 

Erwähnung des Kaufhauses in Zurzach in der „Tucherordnung“

„Aber zu zurzach sol kainern kain tuch in den von

weil hauß failen  das sollich auch sy dann  zu weil

gemacht werden by der obgemelten pen"

 

[1] vgl. Stadtarchiv Weil der Stadt Bestand WU Urkunden, U95. In dieser Urkunde aus dem Jahr 1543 wird auf eine Urkunde von 1429 Bezug genommen, in der den Webern und den Gerbern die Schonung des Fischwassers auferlegt wird.

[2] Das Engelsait ist ein Wollstoff von geringer Breite und geringem Wert, vom Weber hergestellt. Ethymologisch dürfte der Wortbestandteil „Engel“ von „englisch“ herrühren. Nach Fischer, Hermann. 1908. D, T, E, F, V. Bd. 2. Schwäbisches Wörterbuch. Tübingen: Laupp. Seite 719

[3] Nach der gewerberechtlich-technologischen Bezeichnung sind „Zeuge“ glatte, schmale, wenig oder gar nicht gewalkte Gewebe aus haariger Wolle. nach Fischer, Hermann. 1924. U, W, X, Z. Bd. 6,1. Schwäbisches Wörterbuch. Tübingen: Laupp.- Seite 1166

[4] Leinen ist im Vergleich zu Tuch, Zeug oder Engelsait kein wollener Stoff, sondern wird aus den Faser der Leinpflanze gewonnen. In den umliegenden Dörfern wie zum Beispiel Malmsheim wurden Lein angebaut und es wurden daraus Leinenstoffe gewebt, allerdings vorwiegend für den Eigenbedarf.

[5] Aus dem Zeitalter der Zünfte. Von Altbürgermeister Schütz, erschienen in „Mitteilungen des Heimatvereins. 9. Jahrgang, Nr./8, 1958. – Seiten 1 bis 8

[6] Stadtarchiv Weil der Stadt, Bestand S10-4 7, Kopie der Tuchmacher-Ordnung. Original im Stadtarchiv Esslingen, Bestand Reichsstadt Faszikel 10

[7] 2) in Süddeutschland auch die Handwerksältesten, nach Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23, <https://www.woerterbuchnetz.de/DWB>, abgerufen am 24.11.2023, weitere Definition:  Der „Kertzenmeister“ ist urspr. das für die Besorgung u. Unterhaltung der Kerzen verantwortliche Zunftmitglied, [später] dann der Zunftvorsteher. Aus Kanzlei bis Krönung. 1983. Bd. 7. Deutsches Rechtswörterbuch. Weimar: Böhlau. - Sp. 781-782

[8] vgl. dazu auch Artikel „St. Severus, Patron der Tuchmacher“ von Esther HAMMER in den Berichten und Mitteilungen des Heimatvereins Weil der Stadt, Nr. 1/2, 1979